Chile – Chiloe

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Inselvölker sind etwas Besonderes. Über Jahrhunderte bildet sich oft eine ganz eigene Kultur heraus, ganz anders als diejenige der Festlandbewohner. Aus diesem Grund ist es immer spannend, Inseln zu besuchen. Nachdem wir bereits die grösste Insel Südamerikas besucht haben (Feuerland), verbringen wir auch noch eine Woche auf der zweitgrössten Insel – Chiloe.

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Eigentlich ist es nur eine kurze Fähre, die uns auf die Insel bringt. Und doch merken wir, dass Chiloe anders ist als der Rest von Chile. Etwas verschlafener, etwas geheimnisvoller, etwas eigenbrötlerischer.

Die Region ist ziemlich dicht besiedelt, bzw. zersiedelt, sodass wir nun kaum mehr wild zelten können. Dies, und die Tatsache, dass Hostels hier ziemlich teuer sind, führt uns unweigerlich immer wieder auf Campingplätze der unterschiedlichsten Art. Es sind kleine Universen, ausgestattet meist nur mit dem allernötigsten, wo sich die Menschen dicht drängen – zu dicht meist für unseren Geschmack. Den Chilenern hingegen gefällt das und wie wir es auch schon bei den Argentiniern beobachtet haben, verfügen sie über einen ganz anderen Privatsphärenradius als wir. So ist es absolut kein Problem, sein Zelt 1m neben einem anderen aufzustellen, obwohl es sonst noch viel Platz hätte. Auch laute Musik in allernächster Nähe oder lautes Sprechen miteinander bis nach Mitternacht (Flüstern gibt‘s nicht) stört niemanden. Wir passen unseren Rhythmus an die Gegebenheiten an und werden zu Langschläfern – denn bis 10 Uhr ist es auf dem Campingplatz meist totenstill.
Wir erleben aber auch viel Schönes mit den Menschen. So werden wir mit Empanadas de Mariscos (Teigtäschchen gefüllt mit Meeresfrüchten) versorgt, überall wird uns Kaffee angeboten, wir werden über unsere Reise ausgefragt und einfach allgemein herzlich behandelt. Dennoch – nach ein paar Tagen werden wir unruhig, fahrig. Simon spricht schlussendlich aus, was sich in unserem Unterbewusstsein abzeichnet: „Wir müssen mal wieder in die Wildnis“. Obwohl ein Campingplatz viel Annehmlichkeiten bietet, ist es doch das Rauhe, das Natürliche, das uns fehlt.

Vorerst begnügen wir uns aber mit dem Nationalpark Chiloe, wo wir die besondere Landschaft geniessen und erstmals wieder seit langem auf den Pazifik treffen. Der 20km lange Strand, dessen Enden im Dunst verschwinden, erinnert uns stark an Vancouver Island, Kanada. Und auch der Wald, der hier in seinem ursprünglichen Zustand gelassen wurde, weckt Erinnerungen. Ein kleines Käuzchen beobachtet uns minutenlang vom Baum herab, ein Spiel mit unausgesprochenen Regeln, wer sich zuerst bewegt, hat verloren.

Interessant auch die Häuser hier. Die Chiloten wie auch die Chilener generell haben eine Leidenschaft für grosse Fenster (gerne auch um‘s Eck), am liebsten in allen Formen. Und die Bauweise: Ein Stück Holz, ein Bisschen Blech, Spanplatten, Glas und Plastik, einmal schütteln, ein Tröpfchen Leim und ein Spritzer Farbe – fertig ist das Haus. So kommt uns das manchmal vor, auch wenn Chiloe eigentlich gerade wegen seiner Architektur berühmt ist. Dies gilt aber mehr für die alten Häuser. Viele von ihnen, Palafitos genannt, stehen auf Stelzen. Es sind Holzhäuser, mit Schindeln bedeckt, zum Teil farbig gestrichen, manchmal auch ganz natürlich belassen. Dass die Schindeln früher sogar als Währung galten, zeigt ihre Wichtigkeit. Am berühmtesten ist Chiloe für seine Kirchenarchitektur, die Chilotische Schule. Um 1600 kamen Jesuiten auf die Insel, um die Indigenen der Insel zu missionieren. Sie bauten 150 Kirchen, 14 von ihnen gelten heute als UNESCO Weltkulturerbe. Wir besuchen einige der wunderschönen Holzkirchen, die oft auch noch an sehr malerischen Orten stehen. Überzeugt sind wir aber nur von ihrem Äusseren, das Innere schwankt immer irgendwo zwischen Kitsch und Krempel und wird den schönen Fassaden leider überhaupt nicht gerecht.

Die Tage vergehen. Wir schauen Kirchen an, spazieren durch Dörfer und durch die Natur. Wir rudern mit einem unförmigen Ruderboot auf dem See Natri. Wir essen das Inselgericht „Curanto“, eine unmöglich aussehende und unglaublicherweise doch sehr gut schmeckende Mischung aus Muscheln, Poulet, Würstli und Kartoffeltaschen. Wir trinken Kaffee und essen dazu Kuchen, der auch hier so heisst: Kuchen. Die Pluralbildung erfolgt in Spanisch, es heisst also: 1 Kuchen, 2 Kuchenes. Wir beobachten die Fähre auf die noch kleinere Insel Quinchao, die fast im Minutentakt fährt.

 

Und im Rhythmus unseres Reisealltags schleicht sich langsam das Bewusstsein ein, dass die letzten Tage unserer Reise angebrochen sind. Immer öfters tauchen Gedanken und Sätze auf, die anfangen mit: „Wenn wir zuhause sind…“ oder „zurück in der Schweiz…“. Mickrig klein scheinen sie noch zu sein, die restlichen Tage, die uns verbleiben.

 

Die Fähre bringt uns zurück aufs Festland. Die darauf folgende Seenlandschaft erinnert uns stark an die Schweiz im Hochsommer. Hier eine Emmentaler Fluh, dort eine weite Juraebene mit goldenem Korn. Doch kaum hebt man den Blick, realisiert man, dass dies nicht stimmen kann: Am Horizont ragen perfekt geformte Vulkane mit Zuckerguss in die Höhe. Doch der Blick darf nicht lange hängen bleiben, denn extrem dichter Wochenend- und Sommerferienverkehr erfordert unsere ganze Konzentration und Geduld – nicht gerade die besten Fahrbedingungen. Umso mehr freuen wir uns, unsere Schweizer Freunde wiederzutreffen und mit ihnen unsere letzten Tage „on the road“ zu verbringen. Mit anderen Reisenden scheint der Gesprächsstoff einfach nie auszugehen!

Nach 300km Autobahn – wir wollen alle etwas vorwärtskommen – sind die Nebenstrassen eine Wohltat. Wir kurven durch Weinberge, streifen kilometerlange Maisfelder und strecken unsere Nasen in den süssen Duft, der von den Pflaumenplantagen über die Strassen weht. Nicht umsonst heisst diese Strasse „La ruta de la fruta“! Hier scheint es uns, als hätte jemand einen Schalter umgekippt: Es ist heiss, die Häuser sind völlig anders gebaut, leuchtende Bougainvilleen umranken die Zäune. Um bei den Schweizer Vergleichen zu bleiben: Wir sind im Tessin gelandet, im Süden, der hier im Norden liegt.

Und dann erreichen wir Valparaiso. Hier sind wir, das ist es, das ist das Ende unserer Reise. So ganz fassen können wir diese Tatsache noch nicht. Damit sich das noch ändert und wir uns wieder etwas in die Zivilisation einfinden und ausserdem genug Zeit für die Verschiffung des Motorrades haben, wohnen wir hier noch eine Woche lang in einem Apartement. Von diesen letzten Tagen lest ihr in einem nächsten Bericht.
 

  • angelika - 11. Februar, 2016 - 13:45

    …. und der countdown läuft…in einer woche holen wir euch in zürich ab. wir freuen uns riesig!!!!!antwortenabbrechen

    • oikeo-projects - 11. Februar, 2016 - 14:19

      Wir uns auch auf euch! Bis bald : )

  • Nora und Miguel - 12. Februar, 2016 - 10:33

    Spannende Bilder! Das ist wirklich eine andere Architektur auf dieser Insel. Geniesst eure Woche in Valparaiso und lässt die Reise mit vielen schönen Erinnerungen ausklingen. Wir sind froh dass ihr glücklich, gesund und unversehrt am Endpunkt eurer langen Reise angekommen seid. Eine Umarmung von uns!
    ps: Toller Bericht und Fotos auch von der Carretera Austral…hmm, unsere Reisewunschliste wird einfach nicht kürzer, im Gegenteil!!antwortenabbrechen

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