Chile – Valparaiso

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„Valparaiso, how absurd you are… you haven‘t combed your hair, you‘ve never had time to get dressed, life has always surprised you“ (Pablo Neruda). So wie es der Maler Neruda ausdrückt erleben auch wir diese Stadt, die seit Jahrhunderten Künstler, Poeten und Philosophen anzieht.

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Eine abenteuerliche Mischung aus alten und neuen Häusern in allen denkbaren Stilrichtungen zieht sich über die 42 Hügel Valparaisos hinauf. Verbindend ist, dass alle schon mal bessere Tage gesehen haben. Bröckelnde Fassaden, abblätternde Farbe, viel Blech. Irgendwann einmal hat die Stadt aufgegeben, gegen Sprayereien zu kämpfen und hat sich stattdessen mit deren Urhebern verbündet. Heute sind ganze Strassenzüge bemalt und besprayt, mal komisch, mal kritisch, mal poetisch. Ähnlich wie die allzeit präsenten Kunstwerke ist die Musik: An jeder Ecke sitzt oder steht jemand mit einem Instrument, scheinbar spontan ergeben sich manchmal kleine Jamsessions an vielfrequentierten Plätzen. Sogar der Gaslieferant ist musikalisch: Jeden Tag fährt das Gaslieferwägeli durchs Quartier und um auf sich aufmerksam zu machen, trommelt der Angestellte auf den Gasflaschen herum als gäb‘s kein Morgen. Aus offenen Fenstern erklingen Lieder aus der Vergangenheit, als sei mit zunehmendem Zerfall der Häuser auch der Musikstil einfach stehen geblieben. Allgemein wird Altes hier wertgeschätzt, das gefällt uns.

Und überall liegt ein Hund. Und zwar immer dort, wo er am meisten stört: Längs über den gesamten Gehsteig ausgestreckt, auf Treppenstufen, friedlich schlummernd, nur ab und zu mit dem Ohr zuckend und sich von nichts stören lassend. Leider sind auch ihre Hinterlassenschaften allgegenwärtig und man muss aufpassen, wo man hintritt. Valparaiso ist keine saubere Stadt, sie ist nicht herausgeputzt – eben, ungekämmt. Und doch schön.

15 „Ascensores“ (Lifte), der erste 1883 gebaut, bringen einen bequem die steilsten Passagen hinauf. Oft ist es nur ein unscheinbares Schild, das auf einen Ascensor aufmerksam macht. Eine Seitengasse, eine kleine Rampe, dann ein Räumchen, wo man sich durch ein knatterndes Drehkreuz schiebt, 100 Pesos abgibt (ca. 15 Rappen) und dann Einlass bekommt in die enge Liftkabine mit Fenster auf alle Seiten. Ein schrilles Läuten, dann setzt sich der Lift knarrend in Bewegung. Bei diesem Geräusch und dem Anblick des steilen Gefälls hält man Instinktiv den Atem an und hofft, dass dieses rumpelnde Gefährt nicht gerade ausgerechnet jetzt in seine Einzelteile zerfällt. Ein Aufatmen dann oben und gleichzeitig die kindliche Aufregung und das Bedürfnis: „Schnell! Nochmals! Nochmals!“, das einem schnurstracks zum nächsten Lift bringt.

Ja, ihr ahnt es bereits, uns wird es hier nicht langweilig. Der enorm kreative Puls dieser Stadt, der gleichzeitig kombiniert ist mit einer Natürlichkeit und Unaufgeregtheit, die einem sofort ein völlig relaxtes Lebensgefühl vermitteln, ist bestechend.

 

Die Stadt ist schlicht ein einziges grosses Kunstwerk.

 

Dieser Meinung war auch die UNESCO, die 2003 die Stadt zum Weltkulturerbe ernannte.

Valparaiso ist aber auch eine Hafenstadt. Und dies ist der eigentliche Grund, warum wir hier sind. Der Moment ist gekommen, wir verabschieden uns von unserem so zuverlässigen und anspruchslosen Motorrad. Über die nächsten Wochen wird die Transalp über den Atlantik schippern und im Frühling in Hamburg ankommen. An einem Morgen nehmen wir die letzten bürokratischen Hürden, die so tief sind wie noch fast nie, dann fahren wir zum Lagerhaus. Es ist ja beileibe nicht das erste Mal, dass wir unser Eseli abgeben und doch wird uns die kommenden Tage immer etwas fehlen. In der Lagerhalle stehen jedoch schon rund 10 andere Motorräder, jedes mit sichtbaren Spuren langer Reisen. Könnten Motorräder sprechen, gäbe das ein ziemliches Geschnatter im Container…!

Eine ganze Woche verbringen wir in Valparaiso. Wir mieten ein kleines schönes Apartement, wo wir uns Schritt für Schritt umgewöhnen: Eine Küche zur Verfügung haben (4 – in Worten: VIER – Herdplatten!), einen Kühlschrank, gemeinsam an einem Tisch sitzen, etc. Einzig nachts legt sich die Stille so ungewohnt bleiern um uns, dass wir immer wieder verwirrt aufwachen. Zu fest haben wir uns an den nächtlichen Klangteppich der Natur gewöhnt – an den Wind, das Rauschen der Bäume, das Zirpen der Grillen und morgens das erste frühe Vogelgezwitscher im Dunkeln.

Bei der Flugbuchung haben wir eher auf Preis als auf Bequemlichkeit geschaut, so sind die Verbindungen nicht gerade die besten. Doch es spielt uns keine Rolle, die Situation des Heimreisens ist eh so aussergewöhnlich, dass wir Wartezeiten und lange Flüge getrost mit Erinnerungen füllen können. So sind wir fast zwei volle Tage unterwegs. Wir sind verknittert vom langen Flug, die Stimme des Piloten klingt abgespannt und das Makeup der Flugbegleiterinnen wirkt seltsam verrutscht, als wir am Donnerstagmorgen durch eine dicke Wolkendecke stechen und in München erstmals wieder europäischen Boden unter die Füsse nehmen. Später warten in Bern unsere Familien mit einem herrlichen Apéro auf uns – vielen Dank ihr Lieben!

Unspektakulär fühlt es sich an, heimzukommen. Wir ziehen die vertraute Sprache an wie einen alten, tröstlich anschmiegsamen Pullover und erst in den darauf folgenden Tagen stellen wir fest, dass sich auch in diesem über die 9 Monate ein paar kratzende Stellen und lose Maschen gebildet haben. So ist das „Hola“ immer noch das erste, was als Begrüssung herauspurzelt und noch immer braucht es einige Momente bis wir realisieren, dass wir nicht mehr mühsam Sätzli zusammenklauben, sondern einfach darauf losplappern können. So kommt Stück für Stück der Alltag zurück, auch wenn klar ist, dass wir verändert zurückgekommen sind – ja, wir sind nicht mehr die Selben. Gedanken dazu findet ihr in unserem Rückblick, den ihr in den nächsten Tagen (oder Wochen) hier lesen könnt.

Vorerst bleibt uns, euch allen herzlich zu danken, dass ihr lesend mitgereist seid. Wir hoffen, euch mit unseren Berichten und Fotos einen kleinen Einblick in diese Reise gegeben zu haben!

 

  • Dad - 21. Februar, 2016 - 11:53

    Da habt ihr mit diesem Bericht wiedermal tief in euren Sprachschatz gegriffen und ein eindrückliches Erlebnis in unsere Seelen gezeichnet.

    Vielen Dank!antwortenabbrechen

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