Rückblick

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Wir schauen zurück. Auf 252 Tage Reisen. Auf 14 Länder. Auf über 40‘000 Kilometer. Gerne nehmen wir euch heute ein letztes Mal mit. Für einmal ist dies ein längerer Beitrag, da wir je unsere persönlichen Eindrücke erzählen. Und aus der riesigen Fotoauswahl fiel uns die Entscheidung auch nicht leicht, die besten herauszufiltern, sodass es diesmal auch mehr als eine Fotogalerie gibt.
 
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Best of Nordamerika

 
Rückblick Simon
Für mich war eine Reise durch Amerika ganz zuoberst auf meiner Reiseprioritätsliste. Noch vor Asien war Amerika der Grund, warum ich lernte, Motorrad zu fahren. Die Weiten Nordamerikas, das Land Pancho Villas, oder auch Mexico genannt, den Dschungel von Zentralamerika und die Anden in Südamerika: Spannender und abwechslungsreicher kann es ja gar nicht mehr kommen. Auch eignet sich diese Route meiner Ansicht nach bestens für Überlandreisende. In Asien mussten wir zweimal unser Motorrad in den Container packen und hatten eine grosse mehrstündige Überfahrt mit der Fähre. Auf der Amerikareise ist einzig der Dschungel von Darien an der Grenze von Panama nach Kolumbien unüberbrückbar. Die Stahlratte wartete aber da bereits auf uns und ist heute in Retroperspektive ein Highlight der gesamten Reise. Zusammenhängende Strassen sind das eine, die Grenzen zwischen den Ländern das andere. Unüberwindbar war keine davon, nur viel Zeit und Geduld brauchte es schon, ein kleiner Preis.

Die Sicherheitslage war für mich im Vorfeld ein Thema, das mich sehr beschäftigt hat. In den Schweizer Nachrichten liest man immer wieder über den Quasibürgerkrieg in Mexico. Wenn die Länder Guatemala und Honduras einmal in den Zeitungen erwähnt werden, dann auch nur im negativen Licht. Klar, Statistiken lügen nicht, aber sie erzählen auch nicht die ganze Wahrheit. Die Mordrate pro 100‘000 gehört in den besagten Ländern weltweit zu den höchsten, unter den 30 Ländern mit der grössten Mordrate, waren wir in fünf. Klar, das sind nur Zahlen, vor Ort merkt man davon aber nur am Rande etwas. Der Drogenkrieg von den USA aus angefacht fordert aber hier die meisten Opfer in dieser Statistik. Doch wie gesagt, vor Ort merkt man davon nur wenig. Die allgegenwärtigen Sicherheitskräfte sind einziges Indiz der sozialen Unruhen im Untergrund. Als Tourist würde man nur als Konsument oder Dealer von Drogen auch zur Zielscheibe. Nach Einbruch der Dunkelheit in den Aussenbezirken der Städte, das waren die einzigen Orte und Situationen, wo wir uns nicht mehr sicher fühlten. Problematisch ist hier auch, wie früh am Abend es dunkel wird, häufig schon um 19:00. Aber alles ging gut. Das einzige Mal wo uns auf dieser Reise etwas gestohlen wurde, war in Victoria, Kanada. Diese Tatsache ist nicht ganz ohne Ironie und relativiert die Zahlen wunderschön.

Für mich als politisch interessierter (ewiger) Student der Zeitgeschichte, hier im Sinne dass man nie ausgelernt hat, bot diese Reise auch etliche Anknüpfungspunkte, um meinen geschichtlichen Horizont zu erweitern. Argentinien, das als eines der wenigen Ländern einseitig einen Staatsbankrott ausgerufen hat, Chiles Diktatur, welche erst vor 25 Jahren endete und allgemein die Einflussnahme der USA und deren Auswirkungen auf all diese Länder waren für mich spannend zu analysieren. Ursprünge und Auswirkungen des heutigen, mit unglaublicher Brutalität geführten Drogenkrieges zu analysieren, führte bei mir zu einem breiteren Verständnis von ganz Amerika.

Unsere Transalp, das Reisemittel der Wahl, das Reisemittel der Exzellenz, das Reisemittel der Eleganz, oftmals getestet, niemals versagend, immer gut gelaunt unter schlechten, so wie idealen Bedingungen. Oder kurz: Transalp (sicher die der älteren Generationen) kann ich hier bedingungslos empfehlen. Auf so einer Motorradreise kommt es aber natürlich nicht nur auf das Motorrad selbst drauf an, auch das Gepäcksystem, Kleidung und Schuhe sind notwendige Bestandteile für das Gelingen so einer Reise. Auch sind diese Dinge anfällig für Defekte, als wir in Bolivien mal aus dem Stand umgekippt sind, brach prompt eine Halterung des Seitenkoffers.

Abschliessen möchte ich hier mit unserem Zelt. Treuer Begleiter, immer wieder unser Zuhause, bot unsere Casita zuverlässig Schutz vor den Witterungen der Launen des Wetters und uns ein idealer Rückzugsort und Flexibilität für unterwegs. Ob auf einem Bergrücken, im Wald, in der Wüste neben einer Sanddüne, irgendwo in der Pampa, im Regen oder bei Sonnenschein: Unser Zelt hat es gesehen. So auch wir: Dieser Erfahrungsschatz, das Verständnis für unsere globale Zusammenhänge dieser Welt und all die schönen unvergesslichen Erinnerungen werden immer Bestandteil unseres Lebens bleiben.

 
Best of Zentralamerika

 
Rückblick Joséphine
NATUR PUR   |   Mehr als je zuvor – oder vielleicht auch als Kumulation aller vorangegangenen Reisen – wurde mir der Reichtum der Natur bewusst. Dass Natur heute vor allem als Ressource betrachtet wird, die einem mit Brennstoffen und Ingredienzen für alle möglichen technischen Geräte versorgt, lässt einen zuweilen vergessen, dass wir selber Natur SIND. Wir leben primär weder in noch von der Natur, wir SIND Natur. Dass wir dieses Bewusstsein verloren haben, beunruhigt mich. Wie können wir zu unserem Planeten Sorge tragen, wenn wir nicht realisieren, dass wir ein untrennbarer, integraler Bestandteil davon sind und also alle Nachlässigkeit früher oder später auch auf uns zurückfallen wird? Die Natur ist eine gute Erinnerungsstütze dafür, in welchen Zeitdimensionen unser Heimatplanet rechnet. Unser kurzfristiges menschliches Denken, das sich in Ferienwochen, Amtszeiten, Zugstrecken, oder allerhöchstens noch Hauskreditabzahlung rechnet, kommt beim Vergleich mit der Natur in arge Atemnot. In der Natur entfaltet sich eine Zeitdimension, die einem im kleinschweizerischen Alltag allzu oft einfach abhanden zu kommen scheint. Die Jahresringe im Baum, der stete Wechsel von Jahreszeiten, das perfekte Zusammenspiel des Ökosystems – der Inbegriff von Nachhaltigkeit. Die Natur stresst nicht, die Natur geizt nicht und schlägt nicht über die Stränge. Wie konnten wir Menschen uns nur so weit weg vom Natürlichen bewegen?

So haben mich viele Momente in der Natur voll Ehrfurcht zurückgelassen. Die Zeit stand still, als wir die Bärenmutter mit den knuffigen kleinen Bärchen im Strassengraben beobachteten, so wild, so unberührt, dass mir die Tränen kamen. 10‘000 Km später die selben Emotionen, als mitten im Karibischen Meer unter unserem Segelboot im Dunkeln lautlose Rochen auftauchten, diese geheimnisvolle Geschöpfe, die einem unbekannten Rhythmus folgend durchs Wasser glitten. Gleichsam stand unser Atem still bei vielen unbeschreiblichen Sonnenunter- und aufgängen und im warmen und doch unendlich klaren Licht der hohen Anden. Die Realisation, dass Natur nicht planbar ist: Auf den ersten Kanadischen Elch haben wir lange gewartet und dann tauchte er ganz überraschend auf. Auf eine Whalewatching-tour haben wir verzichtet, weil uns das zu gekünstelt schien – und nur wenige Wochen später konnten wir massenhaft Wale auf ihrem natürlichen Weg in den Norden beobachten. Das viele Zelten, auch gerade in der Wildnis, hat mich richtig gehend in seinen Bann gezogen. Diese Freiheit, einfach irgendwo sein Zelt aufschlagen zu können! Noch vor wenigen Jahren wäre ich mit dem Gefühl, nicht zu wissen wo man am Abend schlafen wird, nicht zurechtgekommen – und nun könnte ich mir nichts Schöneres vorstellen. Es sind diese kleinen Dinge, die mich realisieren lassen, dass mich das Reisen – oder vielleicht auch einfach: die Zeit – tatsächlich verändert. Und das ist gut so.

VERSTÄNDIGUNG   |   Mit dem Spanischen als Sprache verband mich in all dem immer eine Hassliebe. In Mexiko ankommend realisierten wir erstmals, wie wenig wir wirklich sprechen konnten – was heisst Tankstelle, was heisst Zimmer, wie konjugiert man trinken? Ich musste merken, dass das, wovon ich dachte, man könne es „dann schon irgendwie vom Italienischen ableiten“ nur im Verständnis anwendbar war. Für den Rest brauchte es schon etwas mehr Disziplin und Vokabellernen. Dass dies ganz gut gelungen ist zeigte unser Projektbesuch in Peru, wo wir überrascht waren, wie problemlos wir uns mittlerweile verständigen können. Und doch, die Sprache ist mir nie ins Herz gestiegen, es war mehr Mittel zum Zweck als ein feiner Freund wie das andere Fremdsprachen sind.

DAS MOTORRAD   |    Wir sind viele Kilometer gefahren in der kurzen Zeit – zu viele vielleicht, im Rückblick. Ob es mir denn nie langweilig geworden sei auf dem Rücksitz, wurde ich des Öfteren gefragt. Und tatsächlich war dies nie der Fall. Auf schwierigen Strecken war auch meine Aufmerksamkeit vollständig auf die Strasse und falls vorhanden auf den Verkehr gerichtet. Bei einfacheren Verhältnissen schweiften meine Gedanken dann schon mal ab, mal plätschernd und intensiv, mal ruhig und beständig wie ein breiter Strom. Auch auf dieser Reise hat sich das Motorrad als ideales Fortbewegungsmittel erwiesen. Und das, obwohl ich nach wie vor eigentlich kein grosser Motorradfan bin. Das klingt vielleicht nach zwei so grossen Reisen etwas komisch, ist aber so.

DANK   |    Das vorherrschende Gefühl nach unserer Rückkehr ist eine grosse Dankbarkeit. Für all das Erlebte, Gesehene und dafür, dass wir die über 40‘000 Km unfallfrei fahren durften. Dankbarkeit auch dafür, dass wir als Paar eine so ähnliche Reisephilosophie haben und darum jeden Moment zusammen geniessen konnten. Herzlich danken wir auch euch zu Hause. Für alle Unterstützung, liebe Mails, SMS und andere Nachrichten, fürs Post-Empfangen, für technischen Support – einfach Danke!

 
Best of Südamerika

 

Ein paar Statistiken:

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252 Tage unterwegs in 14 Ländern, total 41’321 km.
Durchschnittlich fuhren wir 142 km pro Tag.

 

Übernachtungen

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252 Nächte – 43% im Zelt, 43% im Hostel, Hotel oder Apartement und 14% bei Freunden (inkl. Couchsurfing). Durchschnittlich haben wir pro Person knapp CHF 8.- pro Nacht ausgegeben.

 

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