header_09

04.07.2015

Kanada: Durch die Prärie

Hinter Ontario weichen die Hügel, die dichten Wälder und die Seen plötzlich weiten Rapsfeldern, lichten Birkenwäldern und kleinen Tümpeln, es wird flacher und flacher. Durch Manitoba fahren wir für einmal zu dritt.

Während einem Kaffeestop treffen wir auf einen jungen, ursprünglich aus Indien stammenden Mann, der mit einer Royal Enfield fährt. Seit wir in Indien waren, erkennen wir dieses Motorrad auf Anhieb - sofort kommen wir ins Gespräch. Es stellt sich heraus, dass wir in eine ähnliche Richtung wollen und so fällt bald einmal der Entschluss, für ein paar Tage gemeinsam zu fahren.

Erstaunt nehmen wir die frappante Änderung der Landschaft im neuen Staat zur Kenntnis. Birkenwälder, Tümpel mit Gänsen, Enten und anderem Geflügel, dichte Blumenwiesen am Strassenrand - die Biodiversität allgemein scheint gross zu sein. Der Alltag hier ist nun hauptsächlich landwirtschaftlich geprägt, am Horizont erkennt man die Silos und Getreidemühlen. Die Strassen verlaufen schnurgerade und oft gibt es Feldwege parallel zur Hauptstrasse, die auch mal zum Offroad-Fahren einladen.

Die graue Nebelstimmung kombiniert mit den einsamen, geraden Strassen, verlassenen oder verfallenen Häusern und menschenleeren Dörfern wiegen uns in eine diffuse Melancholie.

Als wir am ersten Tag in Manitoba losfahren, hüllt uns auf einmal ein merkwürdiger Nebel ein. Dieser lichtet sich im Verlaufe des Morgens (wir kochen mittlerweile ein Porridge und Kaffee, um eine bessere Sicht abzuwarten), doch die Luft bleibt seltsam grau. An der Tankstelle erfahren wir den Grund: Weiter nördlich wüten verheerende Waldbrände, der Wind trägt den Rauch bis zu uns. Nicht gerade angenehm zum Fahren! Aber auch kein Grund zum Bleiben. Die graue Nebelstimmung kombiniert mit den einsamen, geraden Strassen, verlassenen oder verfallenen Häusern und menschenleeren Dörfern wiegen uns in eine diffuse Melancholie. Die einzige Bewegung rührt von den Vögeln, von vereinzelten Rehen oder kleinen Nagetieren hervor, die vom Motorengeräusch aufgescheucht werden. Der Übergang von Manitoba zu Saskatchewan ist kaum merklich. Die Felder ziehen sich weiter hin. Begleitet werden wir vom emotionslosen Tröten der herannahenden, endlos langen Güterzüge, das jeweils schon von weither zu vernehmen ist. Der Lokführer winkt uns zu, hier wird noch gegrüsst.

In einem etwas grösseren Provinzort verabschieden wir uns nach 2 Tagen von unserem Reisekumpan, vielleicht werden sich unsere Wege nochmals in den Rocky Mountains kreuzen. Wir nutzen auch die Gelegenheit, eine neue Hülle für unser Zelt zu kaufen, da unsere schon arg gelitten hat. Mit unseren wenigen Habseligkeiten auf dem Motorrad ist es immer eine emotionale Sache, sich von Dingen zu verabschieden - sei es auch nur ein alter, zerlöcherter Zeltsack.

Es ist immer besonders spannend, in den kleinsten Dörfern einen Kaffee oder eine Mahlzeit zu finden. Meist treffen wir verlassen wirkende Restaurants/Diner/Cafes an, die wohl irgendwann einmal modern waren und seit damals kaum verändert wurden. Oft ist das einzige Erkennungszeichen ihrer Existenz das rot blinkende Zeichen „Open“. Es sind kleine, charmante Zeitreisen, die immer auch mit besonders schönen Begegnungen mit Menschen verbunden sind. So lernen wir an diesem Tag einen Laoten kennen, der mitten im Nichts von Saskatchewan ein kleines chinesisch-kanadisches Restaurant führt.

Und dann reiht sich gleich noch eine Perle an die endlose Kette wunderbarer Begegnungen und Erlebnissen mit den Menschen in Kanada an: Nachmittags werden wir von einem älteren Ehepaar in einem Cafe angesprochen, wir teilen uns einen Tisch und werden sogleich zu einer Dusche, einer Mahlzeit - und schlussendlich zu einer Übernachtung bei ihnen zu Hause - eingeladen. Die Gastfreundschaft und Unkompliziertheit der Menschen berührt uns sehr. Wem würde so etwas in der Schweiz jemals passieren?

Die Rapsfelder laufen endlos, die Züge rattern und tröten, die Gänse flattern über die seichten Tümpel, die Zeit vergeht. Schon erreichen wir den nächsten Staat, Alberta, und somit rücken auch die Rocky Mountains - und damit ein ganz neuer Abschnitt unserer Reise - in greifbare Nähe.

logo small
01
02
03
04
05
06
07
08
09
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
logo small
play
←   zurück ←   back
nav_left_icon
↑   nach oben   ↑ ↑   to top   ↑
nav_up_icon
weiter   → next   →
nav_right_icon