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05.01.2013

Kambodscha: Einblicke in ein geprägtes Land

Vom lärmigen, immer beschäftigten Vietnam, ins geradezu ruhige und friedliche Kambodscha zu reisen bestätigte unsere bisherige Erfahrung: Jedes bisher bereiste Land ist auf verschiedenen Ebenen ein Unikat. Schwer vorzustellen, das Kambodscha eine so traurige Vergangenheit hat.

Von Cu Chi, unserer letzten Station in Vietnam, machen wir uns am Morgen zu der 40km entfernten Grenze nach Kambodscha auf. Auf der Vietnamesischen Seite erleben wir noch mal so quasi eine Vietnamesische Zusammenfassung: Nur mit Hilfe unserer Ellbogen uns einem bestimmten Auftreten bringen wir den Grenzbeamte dazu unsere Pässe abzustempeln. So was wie Schlange stehen oder höfliche Zurückhaltung kennt man hier nicht. Auf Kambodschanischer Seite sind es immer noch dieselben Personen, die zuerst aus Vietnam raus wollten und jetzt nach Kambodscha rein, nur stehen dort alle ruhig und friedlich in vielleicht fünf Schlangen an, um die doch noch übersichtliche halbe Stunde zu warten, bis ein freundlicher Grenzbeamte schwungvoll einen Stempel in den Pass setzt.

Unser erstes Ziel in Kambodscha ist Kampong Cham, eine kleine verschlafene Stadt am Mekong 150km nördlich von Phnom Penh. Unser Weg führt uns zuerst auf dem gut ausgebauten Highway bis an den Mekong, und von dort auf einer kleineren Strasse nördlich bis an unser Ziel. Als wir nach einer Pause bereits zum zweiten Mal einen Westler auf einem Motorrad überholen, halten wir an und lernen bei einem Kaffee Nils kennen, einen Holländer, der in Vietnam ein Motorrad gekauft hat und jetzt durch Südostasien tourt. Solche Begegnungen sind immer sehr spannend und sie geschehen meistens irgendwo im Hinterland, wo man es am wenigsten erwartet. In Kampong Cham gewöhnen wir uns zuerst mal an die neue Kultur und bekommen vom netten Hotelangestellten einen Crashkurs in Khmer, der hier gesprochenen Sprache und im Gegenzug liefern wir einige Erklärungen zu der englischen Sprache.

Die häufig anzutreffenden bettelnden Kinder brechen uns das Herz.

Unübersehbar ist die Armut in Kambodscha. Nicht weit von unserem Hotel hat sich eine Familie unter einem Vordach eines Schuppens niedergelassen, eine Bastmatte, eine Decke und ein Kochtopf scheinen ihre einzigen Habseligkeiten zu sein. Die häufig anzutreffenden bettelnden Kinder brechen uns das Herz. Wir haben erfahren, dass diese Kinder von Hintermännern kontrolliert werden und das erbettelte Geld nicht behalten können - das macht das Ganze noch schlimmer.

Neujahr in dieser ruhigen Stadt zu verbringen ist doch sehr friedlich, besonders verglichen zu Weihnachten in Vietnam. Wir sind sogar ein wenig früher gerutscht als ihr auf dem „alten Kontinent“.

Unser nächstes Ziel ist Phnom Penh, die Hauptstadt von Kambodscha. Die Strasse besteht zum grössten Teil aus einer Baustelle. Die teilweise unbefestigte Strasse verwandelt sich in der Trockenzeit in eine Staubwolke, die von jedem Lastwagen neu aufgewirbelt wird. Nach Phnom Penh rein zu fahren gestaltet sich jedoch als vergleichsweise einfaches Unterfangen. Wir finden auch ein Guesthouse, wo wir unser Motorrad in einer Garage sicher unterbringen können. Am ersten Nachmittag haben wir die Chance, Einblick in ein Projekt zu erhalten, welches in Phnom Penh benachteiligten Frauen eine Ausbildung und so bessere Berufschancen bietet. Zum Projekt gehört auch ein kleiner Hotelbetrieb, ein Restaurant und ein Laden, in dem Produkte verkauft werden, die von den Frauen hergestellt werden.

Bereits im Vorfeld haben wir durch mehrere E-mails und Skype-Konferenzen ein Treffen mit der anderen Seite der Welt organisieren können: Julia, Schwester von Josephine und Tim, ihr Freund, befinden sich in Zimmer nebenan von unserem Guesthouse. Eine Überraschung, nach gut drei Monate unterwegs zum ersten Mal wieder altbekannte Gesichter zu sehen. Wir verbringen die meiste Zeit zusammen, schlendern durch die Strassen, besuchen eine riesige Markthalle, die ein wenig an das Pantheon in Rom erinnert und gehen zusammen in das Tuol Sleng Museum.

Kambodscha hat eine traurige Vergangenheit. Nach dem Krieg im benachbarten Vietnam, welcher sich auch auf Kambodscha erstreckte, kommt 1975 in Kambodscha die Rote Khmer an die Macht. Ihr Versprechen, die alte und korrupte, von den Amerikanern unterstützte Elite zu vertreiben, lösen sie zwar ein, das Regime um ihren Führer Pol Pot verwandelt sich jedoch schnell in ein Regime, das einen der schwerwiegendsten Genozide seit dem zweiten Weltkrieg zu verantworten hat. In den darauf folgenden vier Jahren kommen von den sieben Millionen Kambodschaner zwei Millionen ums Leben. Besonders die Elite, zu welcher generell die gebildeten gezählt wurden, wurde samt ihren Familien praktisch ausgelöscht. Noch heute hat Kambodscha einen grossen Mangel an z. B. Ingenieuren oder Ärzten. Phnom Penh wurde mit Gewalt entvölkert und die Leute in die ländlichen Gegenden deportiert, wo sie zu harter Feldarbeit gezwungen wurden. Das Tuol Sleng Museum in Phnom Penh war ursprünglich eine Schule, wurde jedoch von der Khmer Rouge in ein Gefängnis zum Verhör und Folter von so sogenannten „Revolutionsgegnern“ verwandelt. Von den insgesamt 20‘000 Inhaftierten, überlebten ganze sieben Leute den Horror. Das Regime dokumentierte ihre Gräueltaten minutiös. So wurde jeder Gefangene bei Haftantritt fotografiert. Mehrere Hundert dieser Porträts sind im Museum aufgehängt. Frauen, Kinder, Alte, Männer alle starren sie in die Kamera. Manchen steht die Angst ins Gesicht geschrieben, manche Gesichter sind völlig ausdruckslos, manche sind verletzt, nur einer, keiner der Überlebenden, grinst frech und unverwüstlich in die Kamera. Ein Guide, der zu dieser Zeit selbst als Teenager ins Hinterland deportiert wurde und zur Feldwirtschaft gezwungen wurde, erklärt uns die näheren Umstände und ermöglicht uns so einen noch tieferen Einblick einerseits in die allgemeinen Hintergründe Kambodschas, aber auch in ein persönliches Schicksal.

Doch - kaum fassbar - dreht sich die Welt weiter. Hier in Phnom Penh haben wir unsere Unterlagen für ein Visum in der Indischen Botschaft deponiert, nächste Woche können wir es abholen und müssen somit unweigerlich wieder zurück nach Phnom Penh. „Zurück“ insofern, dass wir uns jetzt bereits in Kampot befinden, einem kleinen Städtchen in Küstennähe an einem wunderschönen Fluss 150km südwestlich von Phnom Penh, wovon wir euch gerne in unserem nächsten Bericht erzählen werden.

Cambodia: insights into a torn country

Traveling from the noisy, bustling Vietnam to the comparably calm and peaceful Cambodia confirms our previous experience: Every country visited so far is unique on so many different levels. It's hard to imagine that Cambodia has such a sad past.

In the morning we head from Cu Chi, our last stop in Vietnam, to the border to Cambodia, which is 40 km away. On the Vietnamese side, we experience some kind of a summary of our Vietnamese experience: only with the help of our elbows and a certain poise we get the border officials to stamp our passports. There's no such thing as queuing or polite restraint here. On the Cambodian side, it is still the same people who first wanted to get out of Vietnam and now into Cambodia, only all of them queue up there calmly and peacefully in maybe five queues to wait the half hour, until a friendly border official stamps our passports.

Our first destination in Cambodia is Kampong Cham, a small sleepy town on the Mekong, 150 km north of Phnom Penh. Our route takes us first on the well-developed highway to the Mekong, and from there on a smaller road north towards our destination. When we overtake a westerner on a motorcycle for the second time after a break, we stop and get to know Nils over a coffee, a Dutchman who bought a motorcycle in Vietnam and is now touring Southeast Asia. Such encounters are always very exciting and they usually happen somewhere in the back country where you least expect it. In Kampong Cham we first get used to the new culture and get a crash course in Khmer from the nice hotel staff, the language spoken here and in return we provide some explanations about some English expressions.

Seeing all the begging children break our hearts.

Poverty is glaring in Cambodia. Not far from our hotel, a family has settled under a canopy of a shed, a bast mat, a blanket, and an old pan seem to be their only belongings. Seeing all the begging children break our hearts. We have learned that these children are controlled by various groups and cannot keep the money for themselves – this makes the whole thing even worse.

Spending New Years in this quiet city is very peaceful, especially compared to Christmas in Vietnam. Our year started even a little bit earlier than yours on the "old continent".

Our next destination is Phnom Penh, the capital of Cambodia. The street largely consists of a construction site. The partially unpaved road turns into a cloud of dust in the dry season, which is whirled up by every truck that passes. However, driving in to Phnom Penh is a comparatively easy undertaking. We also find a guest house where we can safely store our motorcycle in a garage. On the first afternoon, we have the opportunity to get an insight into a project that offers women in Phnom Penh training and thus better career opportunities. The project also includes a small hotel, a restaurant and a shop selling products made by the women.

For a while, we’ve been organizing another very special visit. After several e-mails and Skype conferences, Julia, sister of Josephine and Tim, her boyfriend, are finally in the room next door to our guesthouse. It was an unusual feeling to see familiar faces for the first time after a good three months on the road. We spend a lot of the time together, strolling through the streets, visiting the huge market hall that is a little reminiscent of the Pantheon in Rome and going to the Tuol Sleng Museum together.

Cambodia has a sad past. After the war in neighboring Vietnam, which also impacted Cambodia, the Khmer Rouge came to power in 1975 in Cambodia. While they kept their promise to drive out the old and corrupt American-backed elite, the regime around their leader Pol Pot quickly turned into a regime responsible for one of the most serious genocides since World War II. In the following four years, two million of the seven million Cambodians died. Especially the elite, to which the educated were generally counted, was practically wiped out together with their families. Even today, Cambodia has a great shortage of engineers, doctors or other academic professionals. Phnom Penh was depopulated by force and people were deported to rural areas, where they were forced to work hard in the fields. The Tuol Sleng Museum in Phnom Penh was originally a school, but was transformed by the Khmer Rouge into a prison for the interrogation and torture of so-called "revolutionary opponents". Out of a total of 20,000 detainees, seven survived the horror. The regime meticulously documented their atrocities. This is how every prisoner was photographed when he was taken into custody. Several hundred of these portraits are showcased in the museum. Women, children, old people, men all stare at the camera. Some have fear written all over their faces, some faces are completely expressionless, some are injured, only one, not of the survivors, grins cheekily and indestructibly into the camera. A guide, who was himself deported to the hinterland as a teenager at that time and was forced to work in the fields, explains the circumstances to us and gives us an even deeper insight into the general background of Cambodia, but also into his personal fate.

But – as hard as it is - the world goes on. Here in Phnom Penh we have deposited our visa documents at the Indian embassy, next week we can pick it up and inevitably have to go back to Phnom Penh. “Back” because we are already in Kampot, a small town near the coast on a beautiful river 150km southwest of Phnom Penh, which we will be happy to tell you about in our next report.

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