header_asia43.jpg

26.04.2013

Indien: In der heiligen Stadt der Sikhs

Zwei neue Städte, zwei neue Gesichter von Indien: Amritsar und Chandigarh. Wir bestaunen den heiligsten Tempel der Sikhs, besuchen einen historischen Schauplatz, spazieren in einem einst illegalen Steingarten und erfahren, was eine nordindische Stadt auf unserer 10er-Note zu suchen hat.

Bei strahlendem Sonnenschein lassen wir McLeod Ganj hinter uns. Ein letztes Mal betrachten wir die verschneiten Bergkuppen, die langsam im Dunst verschwinden. Himalaya, es war schön mit dir. Die Wehmut währt nicht lange, denn bereits am frühen Nachmittag treffen wir in einer ganz anderen Stadt ein, die jedoch eine wesentliche Gemeinsamkeit mit McLeod Ganj hat: auch Amritsar ist eine zentral wichtige Stadt für eine Bevölkerungsgruppe, nämlich für die Sikhs. Hier steht der bekannte Goldene Tempel, jährlich pilgern Tausende Sikhs hierher.

Das Besondere an Indien ist, dass jeder Schritt Überraschungen innehält, Neues, Unerwartetes. In Amritsar erleben wir das täglich neu.

Das Besondere an Indien ist, dass jeder Schritt Überraschungen innehält, Neues, Unerwartetes. In Amritsar erleben wir das täglich neu. Die vielbefahrene Hauptstrasse entlangzublicken kann fast ein wenig apokalyptische Gefühle provozieren: Rauch von den kleinen Feuern, auf denen Abfall verbrannt wird, hängt in der Luft, brennt in den Augen und verschleiert den Blick, unter der Betonbrücke schlafen Kühe, Hunde und Menschen gleichermassen, die Rolladen der Geschäfte sind geschlossen, die Farbe der Häuser bröckelt ab. Dreck und Schotter am Strassenrand haben zur Folge, dass man automatisch jeden Schritt sorgfältig abwägt.

Die Stimmung ändert schlagartig, als wir in die engen Gassen der Altstadt gelangen, das Herzstück der Stadt, pulsierend, berstend vor Leben. Hier die Gasse mit Haushaltswaren: Töpfe, Pfannen, allerlei Küchenutensilien bis zur Decke gestapelt fangen unseren Blick. Plötzlich lautes Hupen, zur Seite springen, eine knatternde Vespa hat es eilig. Dann die farbigste aller Gassen: Stoffe, überall Stoffe! Keine Farbe, kein Muster, das hier nicht zu finden wäre. Fast ist es ruhig hier, die Textilien scheinen die Geräusche zu dämpfen, doch ab und zu dringt Gelächter von Frauen auf die Strasse. Sie stehen dicht gedrängt beim Schneider, verschiedene Stoffe vor ihnen ausgebreitet. Daneben ein Mann mit kunstvollem Turban, der gedankenverloren mit fachmännischen Gesten unterschiedliche Stoffqualitäten prüft. Ein paar Schritte weiter zweigt eine kleine Gasse ab, in der es plötzlich still ist. Ein einzelner Sonnenstrahl hat sich hierher verloren, still tanzen Staubpartikel im goldenen Licht. Ein alter Mann bringt ein Glöckchen zum Klingen und verbeugt sich ehrfurchtsvoll vor dem kleinen blumengeschmückten Tempel. Ein Hund gähnt wohlig und streckt sich ausgiebig.

Einmal die Altstadt durchquert erreichen wir das Wahrzeichen der Stadt: Den goldenen Tempel. Wir geben unsere Schuhe ab, bedecken vorschriftsgemäss unseren Kopf und betreten die Anlage. Der Tempelkomplex besteht aus einem strahlend weissen äusseren Gebäude, in dessen Innenhof sich ein grosser Teich befindet, in dessen Mitte wiederum der Goldene Tempel, der Hari Mandir Sahib, thront. Überwältigt vom tausendfach reflektierten Weiss reiben wir uns die Augen und flüchten erstmals in den Schatten. Die vornehme Schlichtheit und Leichtigkeit des äusseren Komplexes lässt das Gold des Tempels (man sagt, es seien 750 Kg pures Gold) noch prunkvoller erscheinen. In ihm wird das heilige Buch der Sikhs aufbewahrt, aus dem ganztags über Lautsprecher vorgesungen wird. Trotz den vielen Menschen herrscht eine angenehm unaufgeregte Stimmung, wir verweilen. Am Abend, nach Einbruch der Dunkelheit kehren wir noch einmal an diesen Ort zurück: der Marmorboden, der am Mittag noch so heiss war, ist nun angenehm kühl, am Wasser gibt es lauschige Plätzchen. Ein junger Sikh mit sorgfältig gedrehtem Schnäuzchen und kunstvollem Turban gesellt sich zu uns, wir plaudern. Er plant, in Neuseeland zu studieren.

Nicht weit vom Tempel entfernt befindet sich eine wichtige historische Stätte Indiens. 1919 fand in diesem Park das Jallianwala Bagh Massaker statt. Über 5000 Menschen protestierten friedlich gegen die britische Kolonialherrschaft, als die Armee wahllos und ohne Vorwarnung das Feuer eröffnete. Heute steht im Park ein Mahnmal für die geschätzten 1500 Opfer. Einige Einschusslöcher sind immer noch vorhanden.

Von der chaotischen, quirligen Stadt Amritsar fahren wir am Mittwoch in eine Stadt, die uns ein weiteres Gesicht Indiens offenbart. Chandigarh wurde in den 50er Jahren vom Schweizer Architekten Le Corbusier entworfen und umgesetzt. Mit seinem Sinn für Ordnung und Geometrie, die auch in seinen kubistischen Malereien zu entdecken sind, hat Le Corbusier eine Stadt geschaffen, die in Sektoren aufgeteilt ist. Statt Quartiernamen steht auf den Strassenschildern: Sektor 16-20 rechts, Sektor 25-27 links. Breite, von Bäumen gesäumte Strassen mit vielen Kreiseln bringen eine Offenheit und Weite mit sich, die leider auch mit Weitläufigkeit gekoppelt sind. Im „Le Corbusier Centre“ erfahren wir mehr über den Architekten und die Stadt Chandigarh – zum Beispiel auch, dass einige Gebäude von Chandigarh auf der 10er-Note verewigt sind, nebst dem Porträt von Le Corbusier. Die Stadt erntet Beifall wie auch Kritik – auch von uns. Die stur angelegten Strassen scheinen nicht recht zur indischen Kultur zu passen, wenn sie auch viele Vorteile mit sich bringen. Was uns vor allem fehlt sind die kleinen Läden und Dhabas (kleine Restaurants), die man in anderen indischen Städten an jeder Ecke findet, hier aber fast vergebens sucht.

Dass Le Corbusier nicht der einzige kreative Kopf in Chandigarh war, beweist der „Rock Garden“, der vom Künstler Nek Chand in den 50er Jahren im Versteckten seinen Anfang fand. Er verwendete Bauschutt und Abfall vom Bau der Stadt als Material für seine Skulpturen. Erst nach 15 Jahren entdeckte die Regierung den Garten aus Steinen und Skulpturen, der auf öffentlichem Boden wuchs. Glücklicherweise nahmen sie ihn als „kulturelles Erbe“ auf und der Garten ist heute ein vielbesuchtes Ziel.

Die nächste Herausforderung, die nun auf uns wartet, ist die Fahrt nach Delhi – eine Millionenstadt, wie wir sie so wohl noch nie erlebt haben.

logo small
01
02
03
04
05
06
07
08
09
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
logo small
play
←   zurück
↑   nach oben   ↑
weiter   →